Lauf, lauf solange es nicht zu spät ist. Er ist ein Junge. Er wird dir weh tun. Er wird dir weh tun, so wie er es immer getan hat. Sprach meine innere Stimme zu mir.
Ich sah zur Tür, überlegte. Wollte gehen. Einfach wegrennen. Wegrennen, mich nicht umdrehen und nie wieder kommen. Doch das tat ich nicht. Ich blieb sitzen, rührte mich nicht. Weinte.
Zusammen gekauert saß ich dort auf seinem Bett. Sah ihn nicht an. Saß dort, so Weit weggewannt von ihm wie es nur möglich war.
‚Wenn du nicht hier sein willst. Sag es mir.‘ Ja du hast Recht. Ich will hier weg. Ich will weg. Ganz weit weg. Verschwinden. Schrie ich innerlich. Doch ich blieb stumm. Sagte nichts.
Langsam atmete ich ein und wieder aus. Versuchte mich zu beruhigen.
‚Warum bist du überhaupt hier?‘ Fragend warfst du mir einen Blick zu. Ich sah nicht zu dir rüber. Nahm das Ganze nur aus dem Augenwinkel wahr. Ich spürte, dass du wütend warst.
Schließlich sagte ich doch etwas mit zittriger Stimme. Es war eher ein Flüstern.
‚Ich wollte dich sehen. Ich. Ich wollte zu dir. Wenn, ich nicht hier sein wöllte, wäre ich den weiten Weg nicht gelaufen.‘ Ich dachte an die Kälte. An diese bittere Kälte und an die Schmerzen. Mein Knöchel brannte höllisch. Wieso musste ich auch umknicken. Und wieder überkam mich dieses Schwindelgefühl von vorhin, nur weil ich daran dachte. Ich schloss die Augen, versuchte mich zu konzentrieren. Machte sie wieder auf. Suchte irgendeinen Punkt in deinem Zimmer. Ich musste hier bleiben, durfte nicht entschwinden.
‚Willst du nichts dazu sagen? Nur hier sitzen und schweigen?‘ Plötzlich in die Realität zurück gerissen, starrte ich dich an. Versuchte mich zu erinnern, an das was du gesagt hattest.
‚Wenigstens siehst du mich mal an.‘ Ich hörte die Traurigkeit aus diesem Satz heraus.
‚Und jetzt?‘ Ich war wahrhaftig ahnungslos.
‚Wie was jetzt? Das liegt an dir. An deinen Taten. Es liegt daran was du jetzt tust.‘
Geh doch endlich. Siehst du nicht, dass es so wie das letzte Mal ist? Lauf endlich. Es ist noch nicht zu spät.
Nein, ich konnte nicht. Ich konnte ihm nicht so weh tun. Es wird nicht mehr so sein. Er hat sich verändert. Ich merkte selbst, dass ich an meinen Worten zweifelte. Das letze Mal, als ich genau hier saß. Hier saß und weinte. Nicht mehr aufhören konnte. Da wurde es ihm zu viel. Das durfte nicht wieder passieren. Die Angst, beherrschte mich. Sie nahm die Überhand.
Ich muss ihm sagen was los ist.
Nein, gehen musst du.
Wieso fühlte ich nur, dass ich dabei war einen riesen Fehler zu begehen? War es die Angst?
‚Woran denkst du gerade?‘ Und schon wieder riss seine Stimme mich zurück. Dahin zurück wo ich war.
Und ich sagte es ihm. Ich sagte ihm wovor ich so Angst hatte. Und dass ich wieder dabei war alles kaputt zu machen.
‚Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht mehr so bin. Du machst dir immer zu viele Gedanken.‘
Trotzdem hatte ich Angst. Tränen. Tränen, vor denen ich Angst hatte.
Und obwohl ich mir vorgenommen hatte, mich nicht zu entschuldigen. Tat ich es. Das tat ich immer.
‚Es tut mir leid. Das tut mir alles so leid. Ich, ich wollte dich vorhin am Telefon nicht so anschreien. Ich wollte das alles nicht sagen. Und ich weiß dass es dich verletzt hat.‘
Du machst es schon wieder, du machst alles falsch. Versagerin.
‚Es tut dir immer Leid, aber es ändert sich nichts. Ich erwarte doch nur, dass du auch mal ein bisschen. Wenigstens ein bisschen um uns kämpfst und deine Aggressionen nicht an mir auslässt.‘
Ich wollte nichts sagen und ich sagte nichts. Es war besser so.
‚Tu doch einfach mal was dein Herz dir sagt. Weißt du..‘
Ich wollte dich küssen, aber du drehtest deinen Kopf weg. Ich wollte weg. Wenigstens zurück an die Bettkannte. Doch du hieltst mich fest.
‚Lass mich doch erst mal ausreden.‘
Nein ich wollte weg.
‚Siehst du? Genau das meine ich. Du gibst immer sofort auf. Du kämpfst nicht. Das zeigt mir, dass ich dir nicht viel bedeute.‘
Ja du hattest Recht. Ich bin eine Versagerin. Eine Versagerin und nichts weiter. Früher. Ja da habe ich um dich gekämpft. Bin gefallen und wieder aufgestanden. Und jetzt kann ich das nicht mehr. Ich bin schwach. Ich habe keine Kraft mehr. Ich habe schlicht und einfach versagt.
Und schon wieder flossen mir die Tränen übers Gesicht. Wie ein Fluss. Sie hörten nicht auf. Wollten nicht aufhören.
Und als konntest du meine Gedanken lesen.
‚So war es nicht gemeint. Ich meinte nur. Du verletzt mich mit deinen Worten. Was du sagst tut weh. Ich möchte doch nur, dass du wenigstens versuchst nicht immer grad so zu sein. Du sitzt da, siehst mich nicht an. Es ist doch sonst gar nichts passiert. Es war doch alles wieder ok.‘
Nichts ist ok. Sag es ihm. Geh.
Ich wollte antworten, doch bekam kein Wort raus. Schluchzte.
Er nahm mich in den Arm. Das was ich die ganze Zeit gebraucht habe. Worauf ich, obwohl ich es nicht wusste, die ganze Zeit gewartet hatte.
‚Ich habe einfach so Angst. Wie wird das sein, wenn du weggezogen bist?‘
‚Es steht doch noch gar nicht fest. Denk nicht daran, denk an jetzt. Egal was passiert. Wir finden einen Weg. Das verspreche ich dir. Und jetzt hör auf zu weinen, Schatz. Es gibt doch keinen Grund.‘
Und dann hast du mich so richtig durch gekitzelt. Ich hatte keine Chance. Ich konnte nicht anders, musste lachen. Das Lachen vermischte sich mit dem Schluchzen. Es hörte sich komisch an. Ich musste noch mehr lachen. Und vergessen war die Stimme in meinem Kopf.
Wir küssten uns und für diesen Moment war wieder alles ok. Wenn auch nur für diesen einen Moment.
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